Leseprobe

Band 2

Roter Einschnitt
Hardcover des Fantasyromans Blut gegen Blut 2

Kapitel 1

Das Wimmern ihrer Mutter war wesentlich schmerzhafter als die Klinge, die der Werwolf an Katrinas Hals drückte. Mit seiner riesigen Pranke fixierte er ihre Unterarme hinter ihrem Rücken. Er packte so fest zu, als würde er wie sie zum Tode verurteilt, sollte sie sich nur ein winziges bisschen bewegen. Und vielleicht war es auch so. Wieder wimmerte ihre Mutter voller Verzweiflung. Sie stand einige Schritte links von Katrina, ebenfalls von einem Werwolf festgehalten und mit einem Messer am Hals.
Alle vier warteten auf den Befehl.
Den Befehl, der diese düstere Szene in Blut auflösen würde.
Katrina blickte geradeaus auf die anderen Werwölfe, die etwa fünf Schritte entfernt im schwachen Licht der gerade erst aufgegangenen Monde standen. Alle schwiegen bis auf einen, der nach einer längeren Pause nun wieder das Wort ergriff.
„Unser Volk darf sich nicht blenden lassen von diesen Kreaturen, die als Freunde erscheinen, aber niedere Gründe für ihr Handeln haben.“
Niedere Gründe?
Wenn am Leben bleiben oder die eigene Mutter aus den Fängen der Vampire zu befreien niedere Gründe waren, dann war Katrina zweifellos schuldig.
Ein Grollen in der Ferne kündigte ein Gewitter an und klang dabei wie das Knurren eines Wolfes, der sich von Weitem näherte. Noch war der Morgenhimmel klar. Sterne funkelten, als wollten sie Katrina zuzwinkern und ihr sagen, dass alles halb so schlimm sei.
Bald wäre es geschafft.
Vorbei.
Und sie wäre oben bei ihnen, um gemeinsam aus der Dunkelheit heraus zu leuchten. Wie in den Gutenachtgeschichten, die Kindern ein Verständnis vom Tod vermitteln sollten. Ihre Mutter hatte ihr diese vorgelesen, als sie noch klein war.
Der Werwolf hinter ihr drückte ihre Arme noch fester zusammen und nach hinten. Katrina stöhnte auf und hustete. Ihre Kehle war staubtrocken, im Gegensatz zu ihren Augen, aus denen die ersten Tränen flossen. Die Sterne sah sie bloß noch verschwommen, und als eine leichte Brise ihr schulterlanges Haar vor ihren Augen tanzen ließ, verschwanden sie komplett. Die Luft war angenehm auf ihren heißen Wangen, konnte den modrigen Geruch des Werwolfs hinter ihr aber nicht vertreiben. Die Mischung aus nassem Hund und verfaultem Fleisch brannte in ihrer Nase.
„Und deshalb werden wir dieser Schande heute ein Ende bereiten“, hörte sie aus der Predigt des Werwolfs innerhalb der Gruppe heraus. Als hätte jemand Katrina aufgeweckt, um genau diesen Satz zu hören, nachdem sie das überflüssige Gewäsch der letzten Minuten ignoriert hatte.
„Nein!“, rief ihre Mutter. „Bitte! Bitte nicht!“
Es war mehr ein gepresstes Flehen durch ihre zusammengebissenen Zähne. Die Klinge an ihrem Hals erlaubte wohl nicht mehr.
Keiner der Werwölfe reagierte darauf und Katrina hoffte, dass sie endlich zur Sache kommen würden. Sie sehnte sich ein Ende dieser Tortur herbei. Weitere Tränen flossen über ihre Wangen, aus ihrer Kehle drang ein leises Schluchzen.
Sollte es wirklich so enden?
Ja. Es würde in das Bild dieser Welt passen, so wie all die Kriege. Katrina senkte den Blick, um die Werwolfgruppe vor sich zu betrachten. Sie schwiegen und starrten. Dunkle Schatten, die zackenartige Kontraste vor dem mondbeschienenen Dschungel bildeten. Und ganz vorn der Priester, wie Katrina ihn nannte. Er trug ein dunkelblaues Gewand mit Kapuze und streckte beide Arme aus, als er mit seiner Predigt fertig war, die im Grunde nichts weiter war als eine ausgeschmückte Erklärung, weshalb Katrina und ihre Mutter sterben mussten: Sie waren keine Werwölfe. Punkt.
Der Werwolf-Priester blickte aus seiner Kapuze heraus abwechselnd zu Katrina und ihrer Mutter. Dann nickte er.
In Erwartung des Schmerzes presste sie die Zähne zusammen. Der Werwolf hinter ihr drückte das Messer fest gegen ihre Kehle.
Ruckartig zog er es nach rechts und ließ ihre Unterarme los. Ihr Kopf sackte nach vorn und sie stand einfach nur da und starrte in Richtung der Werwolfsgruppe. Erleichterung war das erste Gefühl, das sie spürte.
Dann kam der Schmerz.
Der Schmerz der Erkenntnis ebenso wie der Schmerz in ihrer Kehle. Sie versuchte zu atmen, bekam jedoch keine Luft. Als wäre sie unter Wasser.
Blut schoss in ihren Mund und über ihre Lippen. Als könnte sie es immer noch nicht glauben, berührte sie die Flüssigkeit, die über ihr Kinn floss, und sah das Rot an ihren Fingern. Sie wollte reflexartig einatmen, was dazu führte, dass keine Luft, sondern Blut in ihre Lunge drang. Mit beiden Händen packte sie ihre Kehle. Die warme Flüssigkeit ergoss sich über ihre Finger und sie starrte entsetzt zu ihrer Mutter, die gerade neben ihr auf die Knie sank. Röchelnd spuckte sie auf die Erde, dann gab ihr der Werwolf hinter ihr einen Tritt. Und bevor Katrina ihr zur Hilfe eilen konnte, traf sie ein heftiger Stoß von hinten. Sie stürzte vornüber in das ausgehobene Erdloch und landete dort neben ihrer Mutter. Der Aufprall war hart. Blut spritzte auf das tote Gesicht ihres Vaters, der bereits dort lag. Alle drei mussten verschwinden. Die Menschen-Mutter mit dem giftigen Blut, die Vampir-Tochter und der Vater, der nur zur Hälfte Werwolf war.
Vergraben und vergessen.
Auf der Erde liegend wandte Katrina sich von ihrem Vater ab. Ihre Mutter starrte in den Himmel, während sie vergebens ihre Kehle umklammerte und nach Luft rang. Blut schoss aus ihrem Mund, bevor sie den Kopf zu Katrina drehte. Grässliche Geräusche drangen aus ihrer offenen Kehle. Ihre Mutter griff nach Katrinas Hand und blickte ihr tief in die Augen. Entsetzen und Verzweiflung waren darin zu sehen. Dann wurde der Griff immer schwächer, bis sie mit der letzten Bewegung ihres Daumens sanft über ihren Handrücken strich. So wie sie es immer getan hatte, wenn Katrina nicht einschlafen konnte und sie neben ihr am Bett gesessen hatte. Ein letztes Mal „Ich liebe dich“. Ein Funkeln im Himmel. Ein neuer Stern.
Katrina spannte ihren Kiefer an und presste die Zähne zusammen. Sie spürte die Blicke der Werwölfe über ihr. Sie bedeckten die Sterne als Schatten und beobachteten, wie sie starb.
Nein!
Sie bäumte sich auf, schlug mit ihren Fäusten in die Erde neben sich. Nicht so! Nicht auf diese Weise. Schwach und dumm. Wieso hatte sie es nicht kommen sehen?
Sie drückte ihren Rücken durch. Ein verzweifelter Versuch, ein klein wenig Luft zu bekommen.
Vergebens.
Katrina sank wieder auf die Erde. Müdigkeit legte sich über sie wie ein Leichentuch.
Ihr Sichtfeld färbte sich rötlich. Dann sah sie farbige Blitze vor ihren Augen, bis die Schatten der Werwölfe über ihr größer wurden, den Himmel verdeckten und sie in einer betäubenden Stille verschlangen.

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Kapitel 2

Katrina blickte hinab auf ihre nackten Füße.
Sie bewegte ihre Zehen und der dunkle Sand rieb unangenehm auf ihrer Haut.
Auch den Wind konnte sie spüren, der durch ihre Haare fuhr und sie ermutigte den Kopf zu heben. Entferntes Donnergrollen erklang, doch es waren keine Wolken zu sehen.
Vor ihr erstreckte sich eine Wüste, in der Ferne dunkle Hügel. Sie musste geradeaus gehen, um anzukommen.
Es würde richtig sein.
Nur geradeaus.
Und sie ging los, setzte einen Schritt vor den anderen.
Immer wieder.
Sie lächelte.
Ja, es würde richtig sein.
Hinter sich blickend sah Katrina einen tiefschwarzen Wald. Baumstämme ragten in die Höhe, zwischen denen sich eine riesige Klaue nach vorn schob. Sie knickte die Bäume um wie Zahnstocher, das Holz schrie förmlich auf, als es zerbrach.
Ein riesiger Werwolf trat auf allen vieren durch die Bäume und knickte dabei die letzten Stämme um. Mit seinen gelben Augen starrte er Katrina an.
Was hast du mir angetan?
Sein Maul bewegte sich nicht, es waren seine Augen, die sprachen. Das Ungetüm stellte sich auf die Hinterläufe und heulte die beiden Monde an, die über ihm am Himmel leuchteten. Katrina spürte den Klang in ihrem Körper und auch der Sand um sie herum zitterte.
Das Monster schien aus flüssigem Schatten zu bestehen, der sich in verschiedene Richtungen ausdehnte und zurückwich und neue Formen bildete. Auf seiner breiten schwarzen Brust waren vier rot leuchtende Male in einer Reihe angeordnet.
Katrina erkannte, dass es Wunden waren. Und ebenso wusste sie, dass sie es gewesen war, die ihm das angetan hatte. Schnell wandte sie sich von ihm ab und rannte los.
Was hast du mir angetan?
Seine Stimme klang menschlich und nicht bedrohlich. Eher als würde er bitterlich flehen.
Auf nackten Füßen rannte sie weiter über den Sand, der sich immer dunkler färbte. Die Schwärze des Werwolfs schien durch den Boden zu kriechen, immer weiter, mit jedem Schritt, den sie machte.
Katrina. Ich zeige es dir am besten, aber bitte erschrick nicht, ja? Die dunklen Hügel lagen jetzt nicht mehr in der Ferne, sondern nur wenige Schritte von ihr entfernt. Sie ragten links und rechts hinauf, waren jedoch weder sonderlich hoch noch beeindruckend. Einfache schwarze Felsen, in gleichen Abständen aus der Erde ragend, als hätte jemand sie absichtlich so angeordnet. Aber wer? Sie blieb stehen, denn der Werwolf hinter ihr war ebenso verschwunden wie der Wald.
Dafür brauchte sie sich nicht umzudrehen.
Sie wusste es.
Die Felsen starrten sie an, als sie geradeaus durch die beiden Reihen ging, die bis in die Unendlichkeit vor ihr aufgestellt waren.
Im nächsten Augenblick waren es keine Felsen mehr, sondern Körper.
Gestapelte Körper.
Noch sah sie keine Gesichter, doch dann erkannte sie ihre Mutter.
Katrina blieb nicht stehen, setzte weiter einen Fuß vor den anderen, während sie auf beiden Seiten die zahlreichen Körper ihrer Mutter betrachtete, die sich zu Bergen aus Fleisch stapelten.
Sie sah ihre Brüste. Sie sah ihr Gesicht. Manche hatten den Mund weit aufgerissen, andere starrten sie nur an. Manche hatten die Haare offen, sodass diese in die Münder der anderen Leichen fielen. Einige hatten die Haare abgeschnitten, andere zu einem Pferdeschwanz gebunden.
Ihre Blicke. Sie folgten ihr.
Abrupt blieb Katrina stehen.
Sie war auf etwas getreten.
Etwas Hartes.
Sie blickte hinab und sah unter sich braune Scherben, die auf dem Rest ihres langen Weges im Sand verstreut waren.
Es roch nach Bier.
Katrina ging weiter, spürte die Schnitte in ihren Fußsohlen und sah das Blut, das über die Scherben rann, auf die sie trat. Sie freute sich über den Schmerz, der sie von den Augen ihrer Mutter ablenkte, denn sie wusste auch, dass am Ende ihrer Wanderschaft ihre Mutter auf sie warten würde. Sie musste nur weitergehen.
Als sie von ihren blutenden Füßen aufblickte, sah sie, dass ihre Mutter plötzlich in mehreren Kopien links und rechts vor den Leichenbergen stand. Nackt. Aufgereiht wie Wachposten verfolgten sie Katrinas Schritte mit bohrenden Blicken.
Wolken zogen auf. Ein Windstoß verwehte den Geruch von Bier und wirbelte Katrinas Haare durcheinander.
„Zuerst schleppst du fremde Menschen hierher und dann haust du ab und ich muss irgendwelche Fragen beantworten. Was fällt dir ein?“, schrie eine der Mütter aus der linken Reihe.
Katrina hoffte, dass sie nicht getrunken hatte. Wenn sie getrunken hatte, wurde sie unausstehlich.
„Du bist ein Nichts!“, schrie eine von rechts. Die Mutter daneben lachte und legte dabei den Kopf in den Nacken.
Katrina ging weiter. Die Scherben unter ihren Füßen waren verschwunden. Nur noch dunkler Sand, der in ihren aufgeschnittenen Sohlen brannte.
„Nichts kannst du!“
„Du bist unnütz!“
Immer mehr ihrer Mütter fingen an zu schreien, abwechselnd von links und von rechts.
„Du bist ein Haufen Nichts!“
Katrina blickte zwischen den Reihen hin und her.
„Deinetwegen ist er nicht mehr da!“
„Nur deinetwegen!“
„Nur deinetwegen!“
Hinter den auf sie starrenden Müttern wuchsen immer höhere Leichenberge in die Luft, die aus dem entstellten Körper ihres Vaters bestanden. Halb Mensch, halb Werwolf. Angewidert wandte sie den Blick geradeaus und sah dort einen Berg, der sich nach oben in mehrere spitze Felsen aufteilte und dadurch wie eine dunkle Krone wirkte. Von ihren zahlreichen Müttern beobachtet, die sie mal ernst, mal strafend und mal lächelnd anstarrten, ging Katrina weiter. Es war richtig so.
Als sie an der Krone der Wüste ankam, befand sich dort, zwischen zwei riesigen Zacken, ein kleiner Spalt, der wohl als Eingang diente.
Neben diesem Spalt stand links ihre nackte Mutter und rechts ihr nackter Vater, die Blicke starr geradeaus gerichtet. Sie ignorierten Katrina, die nicht länger zögerte und sich durch den Spalt schob, der nach zehn Schritten auf einen gepflasterten Platz führte.
Katrina befand sich noch immer unter freiem Himmel, umringt von den riesigen Felszacken der Krone. In der Mitte stand ein schwarzer Turm, der sich nach oben hin verjüngte und zahlreiche Vorsprünge, Balkone und Fenster besaß. Als Katrina zu der Spitze blickte, wusste sie, dass dort ihre Mutter auf sie wartete.
Ihre richtige Mutter.
Diejenige, die sie anlächeln würde. Die ihr Pfannkuchen machen, eine Geschichte vorlesen und fragen würde, wie ihr Tag gewesen war. Die Wasser in ihrem Glas hatte und keinen Schnaps. Die nach frischer Wäsche duftete und das Haar offen trug, einfach weil heute ein schöner Tag war, an dem man Kuchen backen und gemütlich zusammen am Tisch sitzen konnte.
Um den Turm herum befand sich ein Platz, dessen Pflastersteine vereinzelt von Moos und Gras überwachsen waren.
Tanzten dort Menschen miteinander?
Waren es überhaupt Menschen?
Die Wesen hatten zwar die Extremitäten eines Menschen, waren aber vollkommen nackt, besaßen keine Haare, keine Gesichter und keine Geschlechtsteile. Die jeweiligen Paare berührten sich nicht beim Tanzen. Es sah aus, als würden sie gemeinsam wahllos Bewegungen ausführen. Dabei behielten sie stets den gleichen Abstand zueinander und drehten sich gemeinsam hin und her. Eines der Paare tanzte dicht an Katrina vorbei.
Tanz mit. Du musst tanzen, dich bewegen. Los!
Die Stimme war sanft und emotionslos. Katrina wusste, dass eines der Wesen das gesagt hatte.
Tanz mit uns.
Eines der gesichtslosen Wesen löste sich von seinem Partner und trat vor sie. Dann fing es an, die Schritte vorzuführen.
Ein Schritt nach links.
Eine Drehung.
Ein Schritt nach rechts.
Ducken und dann springen.
Und das Rennen nicht vergessen.
Das Wesen lächelte sie an. Katrina sah es nicht, aber sie spürte es. Es drehte sich von ihr weg und ging in einer fließenden Bewegung wieder in den Tanz mit seinem Partner über. Sie drehten sich und bewegten dabei ihre Arme und Beine im Takt stummer Musik.
Katrina schritt durch die Paare in Richtung des Turms und stieß kurz darauf auf einen Zaun aus Mistgabeln, die abwechselnd mit dem Stiel oder den Harken nebeneinander in den Boden gerammt waren.
Ratlos stand sie davor.
Du musst fliegen.
Eines der tanzenden Wesen packte sie unter den Armen, wirbelte sie vor sich in der Luft herum und warf sie nach oben. Als sie landete, stand sie hinter den aufgestellten Mistgabeln, nur noch wenige Schritte vom Turm entfernt.
Sie musterte das steinerne Tor, das den Eingang zum Turm darstellte. Links und rechts davon stand jeweils ein Mädchen mit glattem schwarzem Haar, das knapp über ihre Schultern fiel. Beide trugen weiße Kleider mit einem Rüschenrock. In ihren Kehlen klafften tiefe Wunden, woher das viele Blut stammen musste, das sich in einem leuchtend roten Streifen über die Brust bis ans Ende des Rockes in den weißen Stoff gesogen hatte.
Katrina fasste sich erschrocken an den Hals, spürte jedoch nur ihre glatte, weiche Haut. Das sahen die beiden Mädchen, lächelten und beobachteten sie interessiert.
Das kleinere, jüngere der beiden legte den Kopf schief und runzelte die Stirn. Als Katrina näher kam, blickte es zu dem älteren Mädchen, das ihre Schwester sein musste.
„Ist sie das?“, flüsterte es laut.
Die ältere nickte, wandte ihren Blick jedoch nicht von Katrina ab und stellte sich ihr in den Weg, als sie vor das Tor trat. Die jüngere stellte sich zögernd dazu und starrte Katrina an.
„Ich bin Amali“, sagte die Ältere.
„Ich bin Maila“, sagte die Jüngere.
Katrina schwieg.
Die ältere der beiden trat vor und packte Katrinas rechtes Handgelenk.
„Versprichst du es? Versprichst du, dass du unsere Namen nicht vergisst?“
Katrina wusste nicht, was sie sagen sollte.
„Versprichst du es?“, sagte das Mädchen erneut. Dabei wurde ihre Miene finster. Tiefe Falten bildeten sich auf dem ansonsten unschuldig aussehenden Gesicht. Ihr Griff wurde fester. Katrina war sich sicher, dass sie ihre Hand jeden Moment zerquetschen würde. Katrina nickte.
Ruckartig ließ das Mädchen sie los, die Falten verschwanden aus seinem Gesicht und es lächelte.
Die Jüngere neben ihr strahlte förmlich und zog dabei die Nase kraus. Katrina blinzelte und die beiden Mädchen waren verschwunden. Waren sie überhaupt da gewesen? Sie betrachtete ihr Handgelenk, sah einen rötlichen Abdruck und spürte den Schmerz, den der feste Griff hinterlassen hatte.
Während sie mit der anderen Hand über die Stelle rieb, betrachtete sie den riesigen Turm, der weit nach oben ragte und sie erschaudern ließ. Den Blick wieder gesenkt ging sie zu dem steinernen Tor und legte jeweils eine Hand links und rechts auf den Türflügel, die sich durch Katrinas Kraftaufwand mit einem tiefen Grollen nach innen über den Steinboden schoben.
Im Inneren befand sich eine riesige Wendeltreppe, die an der Außenwand des Turms nach oben in der Dunkelheit verschwand. Aus der Schwärze heraus hingen lange, schwere Ketten nach unten. Sie schwankten hin und her, ohne dass Katrina auch nur den Hauch eines Windstoßes spüren konnte.
Vorsichtig ging sie zur Treppe und nahm zögerlich die ersten Stufen, dabei immer auf die klimpernden Ketten achtend. Bald wurden ihre Schritte schneller, dennoch dauerte es eine Ewigkeit, bis sie die Hälfte hinter sich gelassen hatte, und eine weitere, bis sie ganz oben angelangt war.
Schließlich stand sie vor einer Holztür. Sie drückte die eiserne Klinke herunter und trat hindurch. Sogleich fand sie sich auf einer weitläufigen, runden Plattform wieder, in deren Steinboden mehrere Kreise sowie seltsame Schriftzeichen und Muster eingraviert waren. In der Mitte saß ihre Mutter im Schneidersitz, die Hände auf den Knien ruhend, die Augen geschlossen. Ihr offenes Haar wurde zur Seite geweht und tanzte in der Luft.
„Mama?“
Katrina machte einen Schritt nach vorn. In dem Moment öffnete ihre Mutter die Augen. Sie lächelte. Dieses Lächeln breitete sich in einer anschwellenden Schwärze aus, die Katrinas Sichtfeld bedeckte und ihr die Luft zum Atmen nahm. Sie hielt sich den Hals, rang nach Luft, aber ihre Kehle war wie zugeschnürt.
„Endlich habe ich dich!“, hörte sie ihre Mutter sagen.

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Kapitel 3

Der Schmerz in ihrer Brust schwoll so stark an, dass sie dachte, ihr Körper würde aufbrechen, doch dann entlud er sich als lauwarmer Schwall aus ihrem Mund.
Hustend richtete sie sich auf, würgte irgendeine Flüssigkeit aus ihrer Kehle und hatte dazwischen kaum die Möglichkeit, Luft zu holen. Während ihr das bewusst wurde, übergab sie sich ein weiteres Mal. Heftige Krämpfe durchzuckten ihren Körper. Rhythmische Schläge hallten durch ihren Kopf. Der Würgereiz stoppte, sie konnte wieder Luft holen und atmete tief ein und aus. Langsam wurde sie sich ihrer übrigen Sinne bewusst. Sie nahm die Kälte wahr, die in ihr, aber auch außerhalb ihres Körpers herrschte.
Die Luft roch nach Regen, nach Erde und Tod. Gleichzeitig drang ein gleichmäßiges Rauschen in ihre Ohren. Vorsichtig öffnete sie die Augen.
Bis zur Hüfte saß sie in rotem Wasser, das sich in dem Erdloch gesammelt hatte. Dicke Regentropfen prasselten lautstark auf die Oberfläche. Katrina nahm ihre Hände aus der roten Brühe, um sich die nassen Haare aus den Augen zu streichen.
Ihre Mutter lag auf der Seite, mit dem Rücken zu ihr. Hüfte und Schulter ragten aus dem Wasser wie kleine Inseln.
Links von ihr lag ihr Vater auf dem Rücken. Nur die behaarte Brust sowie die Nasenspitze waren zu sehen.
Katrina senkte den Blick und schloss die Augen.
Die Erkenntnis, dass ihre Eltern tot waren, überrollte sie wie eine Dampfbahn. Man hatte ihre Eltern und sie selbst umgebracht und nur der Allvater wusste, warum sie wieder aufgewacht war. Neugierig tastete sie ihre Kehle ab. Der Schnitt war verkrustet und angeschwollen.
Wie konnte das sein?
Waren ihre Selbstheilungskräfte als Vampir so stark?
Ihre Finger ertasteten neben der Wunde auch die Lederschnur des Anhängers, den sie von Lisunki geschenkt bekommen hatte. Bei dem Gedanken an die Fähe biss sie die Zähne aufeinander.
Regentropfen prasselten in ihr Gesicht, als sie den Kopf hob und in den Himmel blickte. Wie zur Begrüßung zuckte ein Blitz durch die Dunkelheit und für einen Augenblick konnte sie die unzähligen nassen Bindfäden leuchtend vom Himmel fallen sehen. So unfassbar viele, dass Katrina beinahe versucht war zu glauben, sie wollten den Untergang dieser Welt einläuten. Es folgte ein Donner, der tief grollend begann und sich dann lautstark ausbreitete, als würde das Land unter ihr auseinanderbrechen.
Katrina öffnete den Mund, um ein paar Regentropfen darin zu sammeln, und spuckte sie mit jeder Menge Blut wieder vor sich in die dunkelrote Brühe.
Besser.
Ein wenig zumindest.
Den Kopf wieder gesenkt, schloss sie die Augen und atmete mehrmals ein und aus. Dann blickte sie auf und musterte die nasse Erdwand, die ringsherum aufragte.
Sie musste hier raus.
Mit beiden Händen stützte sie sich im schlammigen Untergrund ab und hievte sich vorsichtig auf die Beine. Am Rand des Erdlochs, das ungefähr so hoch war wie sie selbst, musste sie sich abstützen, denn ihre Beine waren ziemlich wackelig. Ein weiterer Blitz erhellte das rote Wasser vor ihr, das durch die steten Regentropfen keine Ruhe fand. Ebenso wie sie selbst. Sie zitterte am ganzen Körper. Hemd und Hose, beides aus Naturfasern, klebten auf ihrer Haut.
Verdammt, sie musste hier raus.
Prüfend blickte sie über den schlammigen Rand, als sich ihr Magen verkrampfte. Ein Würgereiz überkam sie. Dunkles, fast schwarzes Blut schoss aus ihrem Mund, was sie dazu zwang, sich nach vorn zu beugen. Mit beiden Händen stützte sie sich auf den weichen Knien ab und spuckte den warmen Brei in das Wasser unter sich.
Eine Weile blieb sie in dieser Position.
Als keine weiteren Krämpfe durch ihren Magen zuckten, richtete sie sich hustend wieder auf, stützte sich an der nassen Erde neben ihr ab und blickte über den Rand des Erdlochs.
Der Dschungel.
Regen klopfte auf die riesigen Blätter, die den Niederschlag geduldig nickend ertrugen. Hinter diesen Farnen und Palmen ließ die Dunkelheit des Dickichts keine weiteren Erkenntnisse zu. Kurz kam ihr der Gedanke, dass sie aus den grünen Tiefen beobachtet werden könnte. Sie drehte sich um. Hier befanden sich die ersten Felsen, die den Beginn des Tiefrisses, der riesigen Schlucht, andeuteten. Die Schlucht, über die sie einst mit den Werwölfen geflogen war, um gegen ihren gemeinsamen Feind zu kämpfen. Sie krallte ihre Hände in die nasse Erde und spürte, wie das stete Klopfen des Regens auf ihrem Körper langsam nachließ. Sie musste eine geeignete Stelle finden, an der sie endlich aus dem Erdloch kriechen konnte.
Da, wenige Schritte neben ihr, war der Rand ein wenig abschüssig. Sie watete durch das Wasser an die Stelle und sah, dass ein etwas dickerer Stein oberhalb in der Erde steckte. Sie griff ihn, bündelte das letzte bisschen Kraft in ihrem Körper, zog sich nach oben und grub ihre nackten Füße in die Erdwand vor sich. Oben angekommen rutschte sie mit den Knien über den Schlamm, ließ sich erschöpft neben den Stein auf den Rücken fallen und schloss die Augen.
Sie konnte ihren Herzschlag im ganzen Körper spüren.
Waren die Regentropfen, die auf ihr Gesicht trommelten, echt? War das hier noch die Welt, die sie kannte? In der sie bisher gelebt hatte und auch gestorben war?
Der Regen ließ langsam nach. Das Rauschen um sie herum verschwand und wich dem mehrstimmigen Tröpfeln aus Richtung des Dschungels.
Fast wäre sie unter diesem sanften Geräusch eingeschlafen, wäre da nicht dieses Grollen gewesen.
Es kam nicht vom Himmel.
Es war näher.
Sie lauschte und hörte es erneut. Es kam aus verschiedenen Richtungen, aber definitiv aus dem Dschungel.
Katrina öffnete die Augen und wischte sich das Wasser aus dem Gesicht. Sie stützte sich mit den Händen im Schlamm ab und richtete sich auf. Die geschwollene Narbe an ihrer Kehle jagte ein weiteres Stechen durch ihren Körper, mit ihren dreckigen Händen wollte sie diese aber nicht erneut berühren.
Nachdem sie sich aufgesetzt hatte, versuchte sie aufzustehen, was ihr unter großer Anstrengung auch gelang.
Sie blickte auf ihre vom Schlamm überzogenen Füße hinab und bewegte ihre Zehen. Steine rieben unangenehm auf ihrer Haut.
Sie strich die nassen Haare nach hinten und beobachtete den Dschungel, der tiefschwarz in die Höhe ragte. Farne beugten sich unter den Tropfen, die von den darüber hängenden Palmblättern fielen. Hatten die Werwölfe ihre Witterung aufgenommen oder sogar gesehen, wie sie aus dem Erdloch gekrochen war, und kamen jetzt, um ihre Arbeit diesmal gründlich zu verrichten? Wenn ja, sollte es halt so sein. Was konnte sie schon dagegen tun? Wehrlos und fast nackt stand sie da und musterte zitternd die schwarzgrüne Wand des Dschungels. Es war nur schwach zu erkennen, aber hinter einem der größeren Farne sah Katrina, wie sich dort etwas langsam vorbeischlängelte. Ein Schatten, der nur wenig heller war als der stockfinstere Urwald dahinter. Einer der wenigen Vorteile, ein Vampir zu sein: die bessere Nachtsicht. Auf eine bestimmte Distanz zumindest.
Das zweite Grollen konnte sie sofort einer Quelle zuordnen. Diese saß etwas weiter links auf einem dicken Baumstamm, der quer zwischen den Farnen lag. Katrina wusste, womit sie es zu tun hatte. Und sie wusste, dass sie jetzt ein Problem hatte. Ein ziemlich gewaltiges. Als hätte die Zirkulkatze ihre Gedanken gelesen, erhob sie sich, verließ ihren Platz auf dem Baumstamm und kam mit langsamen Schritten durch das hohe Gras in ihre Richtung. Das zweite Tier schlich ebenfalls aus dem dunklen Dickicht und gab sich als weitere Zirkulkatze zu erkennen. Am deutlichsten stachen die buschigen weißen Halskränze hervor. Sie standen im Kontrast zu dem kurzen violetten Fell, in dem sich dunkle Kringel befanden.
Katrina ging Schritt für Schritt nach hinten, am Grab ihrer Eltern vorbei. Dabei trat sie aus dem Schlamm auf einen felsigen Untergrund, der sie daran erinnerte, dass die Schlucht ihren Rückzug bald stoppen würde. Sie musterte den Boden und entdeckte zwei faustgroße Steine. Auf die Schnelle würde sie wohl keine bessere Möglichkeit zur Verteidigung bekommen.
Die Katzen kamen zögerlich näher. Katrina bückte sich, was ihre volle Konzentration erforderte, denn sie wollte die beiden Angreifer nicht aus den Augen lassen, war aber immer noch zittrig auf den Beinen. Suchend tastete sie über den Boden und nahm die beiden Steine auf. Sofort richtete sie sich wieder auf. Die Raubkatzen blieben nur wenige Schritte vor ihr stehen, wobei sich ihre riesigen Pranken in den Schlamm drückten. Beiden troff Speichel von den Lefzen und sie zeigten knurrend ihre Reißzähne. Aus schwarzen Knopfaugen starrten sie Katrina an. Die rechte Katze war etwas größer. Sie bleckte die Zähne und gab ein tiefes, knatterndes Geräusch von sich, das Katrina an einen defekten Motor erinnerte. Der heiße Atem des Tiers bildete Dampfwolken vor seiner Schnauze.
Katrina hob die rechte Hand, um den Stein nach der Katze zu werfen. Sie holte aus und legte ihren ganzen Schwung in den Wurf. Der Stein flog und landete einen Schritt vor der Raubkatze im Schlamm. Beide Raubtiere waren für einen kurzen Augenblick verwirrt und blickten auf den Stein. Die Zirkulkatze rechts von ihr hob den Kopf, richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf Katrina und fauchte bedrohlich. Sie kam mehrere kleine Schritte auf sie zu. Katrina wollte den zweiten Stein werfen, erstarrte jedoch vor Schreck. Mit einem kräftigen Satz sprang die Raubkatze auf Katrina zu. Diese konnte gerade noch ihren Arm heben und dem Tier den Stein auf den Kopf donnern, was die Attacke aber nicht abwehrte. Katrina fiel rückwärts in den Schlamm, heißer Schmerz durchzuckte ihren rechten Oberarm. Die Zirkulkatze stand direkt über ihr. Katrina roch ihren heißen, fauligen Atem und warmer Speichel landete in ihrem Gesicht. Als das Tier mit seiner Pranke ausholte, um ihren letzten, tödlichen Hieb auszuführen, hob Katrina beide Arme schützend vor sich.
Ein alles übertönendes Brüllen erklang aus Richtung des Dschungels. Katrina sah, wie die Raubkatze vor ihr zusammenzuckte und schreckhaft die Pranke senkte. Sie ließ von Katrina ab und drehte sich hastig um. Etwas schoss aus der Dunkelheit des Dschungels. Eine weitere Zirkulkatze, die auf Katrinas Angreifer zuraste und ihm den Kopf in den Bauch rammte. Dieser fiel in den Schlamm, fauchte und versuchte einen Hieb, bekam aber sofort eine riesige Pranke auf den Kopf gedonnert. Der Kopf der unterlegenen Katze wurde tief in die Erde gedrückt. Sie jaulte und winselte. Der andere Angreifer beobachtete alles aus sicherer Entfernung und fauchte bedrohlich. Die größere Katze hob ihre Pranke vom Kopf der Raubkatze unter sich, die zurückwich, sich schüttelte und Richtung Dschungel flüchtete. Mit einem weiteren, unfassbar lauten Brüllen war auch der zweite Angreifer so eingeschüchtert, dass er in der Dunkelheit hinter dem dichten Farn des Dschungels verschwand.
Katrina versuchte aufzustehen, um sich gegen diese größere Katze zu verteidigen, sackte aber wieder nach hinten, als ein scharfer Schmerz durch ihre rechte Schulter jagte.
In der Düsternis kam die Raubkatze schnaubend auf sie zu. Katrina hielt den zweiten Stein noch immer in der Hand. Sie musste nur warten, bis das Tier nahe genug war. Einen kräftigen Hieb auf den Kopf würde sie ihm verpassen und hoffen, dass das ausreichen würde. Was sie nicht an Kraft hatte, würde ihre Wut in den Schlag bringen. Und ihre Wut war verdammt groß.
Die Katze trat neben Katrinas Beine. Sie brachte ihren linken Arm für den Schlag in Position. Doch dann erkannte sie erst, wer vor ihr stand.
Sie kannte diese Katze, die sie aus ihren kleinen schwarzen Augen anstarrte.
Es war Bashira.
Dem Allvater sei Dank, es war Bashira!
Sofort senkte Katrina den Arm und ließ den Stein fallen. Erschöpft sackte ihr Kopf zurück auf die Erde. Die Katze schnupperte an Katrinas Beinen, dann an ihrem Gesicht.
„Danke“, flüsterte Katrina und strengte sich an, ihren linken Arm erneut zu heben, um ihr über den Kopf zu streicheln. Ein-, zweimal, mehr schaffte sie nicht. Sie ließ den Arm wieder in den Schlamm fallen.
Bashiras heißer Atem war eine Wohltat auf ihrer Haut, als er erneut an ihrem Gesicht schnupperte. Mit seiner Zunge schleckte er ihren rechten Oberarm ab, was sich bei jeder Berührung anfühlte, als würde sich flüssiges Feuer über sie ergießen. Katrina atmete zischend durch ihre zusammengebissenen Zähne. Ihre Hände grub sie tief in die Erde. Sie musste es wissen, hob den Kopf und blickte auf ihre Schulter. Mehrere tiefe Einschnitte waren zu sehen. Blut quoll daraus hervor und saugte sich in die Fasern ihres zerrissenen Hemds.
„Nicht gut“, flüsterte Katrina, legte den Kopf wieder nach hinten auf die Erde und starrte in den Himmel. „Nicht … gut.“
Sie atmete tief ein und wieder aus. Jemand zerrte an ihrem Hemd im Nacken. Bashira zog sie durch den Schlamm.
Wieso tat er das?
Sie hatte keine Kraft mehr, um dieser Frage nachzugehen, und schloss die Augen. Dann spürte sie plötzlich Gras unter ihren Händen. Sie blickte auf und sah, dass durch das Bemühen der Raubkatze, sie an diesen Ort zu schleifen, ihre Hose bis zu den Knien heruntergerutscht war. Mit der linken Hand schaffte sie es, sie wieder hochzuziehen. Sie brauchte jedes bisschen Stoff gegen die Kälte, die sie umgab. Das Pochen in ihrer Schulter wurde stärker. Sie fragte sich, was Bashira vorhatte, als er neben ihr auftauchte. Er blickte noch einmal in Richtung Dschungel, dann legte er sich mit seinem Bauch quer über Katrina. Sie vergrub ihre Finger in seinem weichen violetten Fell und schlief unter dem lauten Schnurren der riesigen Katze ein.

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Kapitel 4

Etwas kitzelte ihre Wange. Im nächsten Moment nahm sie den fauligen Geschmack wahr, der aus ihrer Kehle kam. Als sich etwas Nasses über ihr Gesicht zog, öffnete Katrina die Augen und erschrak beim Anblick des riesigen Kopfes. Bashira stand vor ihr, leckte ihr übers Gesicht und blickte sie fragend an. Er schnupperte an ihr und schlabberte dann erneut mit seiner rauen Zunge über ihr Gesicht. Katrina kniff die Augen zusammen und verzog das Gesicht, während sie den Kopf hin und her drehte, um den Liebkosungen zu entkommen, aber auch seinem Atem, der nach Verwesung roch.
Es gelang ihr nicht.
„Ist gut, Bashira“, sagte Katrina. „Ich bin wach!“
Sie wollte mit beiden Händen seinen Kopf greifen, schaffte es aber nur mit dem linken Arm. Den rechten ließ sie nach einem eindringlichen Stich in der Schulter wieder sinken. Mit einer Hand drückte sie Bashiras Kopf zur Seite. Er murrte widerwillig, wartete, bis sie ihren Arm senkte, und stupste ihr Kinn mit seiner Stirn an. Sie blickte kurz über sich in den Himmel. Dann brach die Erkenntnis über alles, was geschehen war, wie eine Flut über sie herein. Sie schloss die Augen und ließ die Trauer zu.
Dieses Endgültige machte ihr zu schaffen. Zu wissen, dass sie ihre Mutter und ihren Vater nie wieder sehen würde. Ihr Puls beschleunigte und es dauerte eine Weile, bis sie sich beruhigt hatte.
Dann setzte sie sich auf. Als sie sich auch mit der rechten Hand im feuchten Gras abstützte, spürte sie erneut den Schmerz in ihrer Schulter. Sie drehte ihren Kopf und sah, dass ihr Hemd dort fast vollständig mit Blut vollgesogen war. Stofffetzen hingen herab und entblößten drei tiefe Einschnitte. Sie bluteten nicht mehr, klafften jedoch auseinander und schmerzten bei jeder Bewegung. Bei Vampiren ist die Wundheilung wesentlich schneller, hatte Tan’Gros, der Werwolfschamane, ihr erklärt. Diese Wunden würden dennoch eine Weile brauchen, um abzuheilen.
Es war ein seltsames Gefühl, aufzuwachen und sich in einem Albtraum wiederzufinden. Sie blickte von ihrer kleinen Insel aus Gras auf die tiefen Pfotenabdrücke in der Erde. Wasser hatte sich in ihnen gesammelt, wie auch in vielen anderen Erdmulden um sie herum. An ihren Händen und Beinen klebte getrocknete Erde.
Bashira hatte sich mittlerweile neben sie gelegt und Katrina lehnte sich jetzt an ihn, streichelte ihn und betrachtete die violetten Kringel in seinem Fell. Dabei fiel ihr Blick auf seine linke Vorderpfote. Nichts war mehr zu sehen von der Wunde, die sie ihm vor ein paar Monaten zugefügt hatte. Sie hatte ihm in die Pfote geschossen, als sie zusammen mit Helena und ihrem Luftschiff im Dschungel abgestürzt war. Er und zwei andere Zirkulkatzen hatten sie attackiert, weil sie in ihr Territorium eingedrungen waren, wie Tan’Gros ihr erklärt hatte.
In den letzten Wochen hatte sie Bashira im Kreis der Werwölfe besser kennengelernt. Er war zunächst abweisend gewesen und hatte sie angeknurrt, was nur verständlich war. Doch je öfter sie zusammen gewesen waren, desto besser war ihr Verhältnis geworden. Bis Katrina ihm sogar eines Tages die Heilsalbe, die der Schamane angerührt hatte, auf die Pfote hatte reiben dürfen.
Seitdem waren sie oft gemeinsam durch den Dschungel gezogen. Einfach so. Durch seine Anwesenheit und bewacht von den Werwolf-Spähern oben in den Bäumen hatte sich Katrina ausreichend beschützt gefühlt vor all den unbekannten Kreaturen, die im Dickicht lauerten.
Letztendlich waren es jedoch nicht diese unbekannten Kreaturen, die sie hätte fürchten müssen. Sie hätte vielmehr Angst vor den Werwölfen haben sollen, die ihre Anwesenheit als störend empfunden hatten. Allen voran Ranzor, dem Befehlshaber der Werwolfskrieger. Katrina atmete tief ein und schmeckte die Luft. Es musste Morgen sein. Die Monde hatten sich knapp über den Horizont erhoben, am Himmel hingen nur wenige Wolken. Vögel zwitscherten in unterschiedlichen Tonlagen und Rhythmen, was Katrina dazu animierte, sich endlich zu erheben – oder es zumindest zu versuchen. Ihre Füße waren eiskalt und kribbelten, als sie beide im Sitzen auf das Gras stellte. Sie blickte in Richtung Dschungel. Auch die im Wind nickenden Farne und Blätter schienen sie darin zu bekräftigen, endlich aufzustehen.
Bashira erhob sich, stellte sich vor sie und sah sie erwartungsvoll an. Katrina atmete tief ein und stand mit einem Schwung nach vorn auf, was sie die Wunden in ihrer Schulter überdeutlich spüren ließ. Sie verzog das Gesicht vor Schmerz, konzentrierte sich dann aber sofort darauf, nicht ohnmächtig zu werden. Kurz wurde ihr schwindelig und sie machte einen Schritt zur Seite, um nicht umzukippen. Ihr Puls raste, als hätte sie gerade einen Sprint durch den Dschungel hingelegt, und ein unangenehmes Hämmern jagte durch ihren Kopf. Mit der linken Hand rieb sie sich über die Stirn, drehte sich um und musterte die Schlucht, die nun vor ihr lag. Durch hellblauen Dunst war die riesige Felswand auf der gegenüberliegenden Seite zu sehen, über der sich der Wald als dunklere Flecken zeigte.
Katrina blickte an sich hinab und sah nicht nur ihr blutüberströmtes Hemd, sondern auch die verdreckten Hosenbeine, die aus den gleichen dünnen Naturfasern bestand.
Sie musste sich waschen.
Ihr kam der Fluss in den Sinn, der unweit von hier in den sogenannten Tränenfall überging. Bei ihren Ausflügen mit Lisunki hatte sie ihn mehrere Male besucht und den imposanten Wasserfall jedes Mal bewundert. Sie ertappte sich dabei, wie sie eingehender über die Werwolf-Fähe nachdenken wollte, verdrängte die Gedanken jedoch schnell. Andere Dinge waren jetzt wichtiger. Sie selbst war jetzt wichtiger. Es fühlte sich gut an zu wissen, was jetzt zu tun war. Auch wenn sie noch nicht wusste, was sie nach dem Waschen tun sollte, war es immerhin ein Anfang.
„Komm“, flüsterte sie zu Bashira und ging mit vorsichtigen Schritten an der Schlucht entlang in Richtung Fluss. Kurz blickte sie zum Grab ihrer Eltern, konzentrierte sich jedoch schnell wieder darauf, nicht barfuß auf einen spitzen Stein zu treten.
Dem Rauschen des Wasserfalls folgend kam sie kurz darauf an eine Stelle des Flusses, wo eine enorme Strömung herrschte. Dort, wo dicke Steine und Felsen aus dem Wasser ragten, bildete sich sprudelnde Gischt. Katrina ging am Ufer entlang und suchte nach einer Stelle, wo der Fluss ein wenig seichter war. Sie musterte die Holzbrücke, die in dreißig Schritt Entfernung ans andere Ufer führte. Dort hatte sie mehrere Male mit Lisunki gestanden und das Wasser beobachtet. Jetzt war sie allein. Wobei man das im Dschungel nie ganz sicher sagen konnte.
Bashira legte sich ins Gras und leckte sich die Pfote, während Katrina langsam ihr Hemd über den Kopf zog und die langen Ärmel abstreifte. An ihrer blutigen Schulter musste sie einige der Stofffetzen von der Haut ziehen, da sich diese durch das getrocknete Blut verklebt hatten.
Nachdem sie auch Hose und Unterhose ausgezogen hatte, stellte sie sich vorsichtig um sich blickend bis zu den Waden in den kalten Fluss, bückte sich immer wieder und schöpfte mit ihrer linken Hand zitternd das kühle Nass auf ihren Körper und in ihr Gesicht. In der Spiegelung des Wassers sah sie, dass sie immer noch Lisunkis Anhänger um den Hals trug. Diesen Umstand ignorierend konzentrierte sie sich darauf, Wasser auf ihre Wunden zu schöpfen. Vorsichtig kratzte sie dabei mit ihren nassen Fingern das getrocknete Blut um die Einschnitte herum weg, das in roten Schlieren über ihren Arm abfloss. Der oberste Schnitt reichte ihr übers Schlüsselbein, sie spürte ihn bei jeder Bewegung ihres Oberkörpers, auch als sie mit ihrer linken Hand mehrmals Wasser über ihre Haare goss und diese sich anschließend über die unverletzte Schulter fallen ließ.
Kurz überlegte sie, ob sie auch ihre Kleidung waschen sollte, entschied sich jedoch dagegen. Dadurch würde sie bloß noch stärker frieren.
Nachdem sie sich das Hemd und die Hose über die nasse Haut gezogen hatte, ging sie zusammen mit Bashira zurück.
Ihre Füße trugen sie über die nasse Erde, durch Pfützen und schließlich an den Rand des Loches, in dem immer noch die Leichen ihrer Eltern lagen.
Mittlerweile war das Wasser, aus dem Katrina vor wenigen Stunden aufgewacht war, vollständig in der Erde versickert. Ihre Mutter lag mit weit aufgerissenen Augen auf der Seite. Reglos. Ohne Leben. Ihre dunklen Haare breiteten sich in alle Richtungen nass auf der Erde aus, als würden sie mit ihr verschmelzen. In ihrer Kehle klaffte eine Wunde. Das Wasser hatte all das Blut, das dort vorher geklebt hatte, abgewaschen, und so sah man nur noch den tiefen Einschnitt, das eigentliche Grauen. Sie trug wie Katrina ein dünnes Hemd und eine lange Hose, die nass auf ihrer Haut klebten.
Ihr Vater, der auf dem Rücken lag, war nackt. Dort, wo er menschlich geblieben war, glänzte seine Haut im schwachen Mondschein. Auf seinem Bauch gab es einen diagonalen, fließenden Übergang in dichtes Werwolfsfell, das auch über seinen Arm wucherte und sich eine komplette Gesichtshälfte nahm. Mit Schaudern erblickte sie seine Beine, die unnatürlich angewinkelt waren, als wäre er eine Holzpuppe, die man achtlos weggeworfen hatte.
Katrina schloss die Augen, senkte den Kopf und ließ die aufsteigende Trauer zu sowie den Tränen freien Lauf. Stoßweise atmete sie zwischen den Schluchzern ein, roch die Erde und das Gras.
Von der Seite drückte sich Bashira tröstend an ihren Körper. Er reichte ihr bis zur Brust und sie musste einen kleinen Schritt zur Seite machen, um von ihm nicht umgeworfen zu werden. Sie griff seinen Kopf, kraulte ihn und schmiegte ihre Wange an seinen Hals.
Wie lange wollte sie noch hier stehen bleiben? Was konnte sie noch tun? Sie ordentlich bestatten?
Ja, das war eine gute Idee.
Sie hatten etwas Besseres verdient, als einfach so in der Erde zu verwesen und womöglich von irgendwelchen Tieren wie Bashiras Artgenossen angefressen zu werden.
Katrina musterte den Rand des Loches und sah an einer Stelle eine Wurzel aus der Erde ragen. An dieser würde sie sich wieder hinaufziehen können, was sie auch mit nur einem gesunden Arm schaffen würde. Katrina setzte sich neben die Wurzel an den Rand und rutschte hinab in das Grab zwischen ihre Eltern.
Die Erde unter ihren Füßen war feucht und sie sank etwas ein, dennoch fand sie festen Stand. Zögernd blickte sie auf die Leichen und atmete tief ein.
Es musste sein.
Es musste einfach sein.
Sie versuchte alle Emotionen in sich abzuschalten, zu funktionieren wie eine Maschine und sich nicht zu sehr auf ihre Augen, sondern mehr auf ihre Hände zu konzentrieren. Darauf zu achten, was ihr Tastsinn ihr sagte und dass ihre Hände die richtigen Bewegungen ausführten. Zuerst legte sie ihre Mutter auf den Rücken und ihre Arme gerade neben ihren Körper. Mit einer beiläufigen Bewegung schloss sie ihr die Lider. Da ihr Vater bereits auf dem Rücken lag, brachte sie nur seine beiden Arme in Position und ging dann zwischen den Körpern in die Hocke. Sie nahm die linke Hand ihrer Mutter und die rechte ihres Vaters und legte beide in der Mitte aufeinander. Wenn sie dem Allvater begegnen sollten, dann Hand in Hand.
An der Hand ihrer Mutter entdeckte sie deren Ehering. Sie dachte einen kurzen Moment nach und griff sich an den Hals. Dort hing, an einer Schnur aus Baumfasern, der Stein von Lisunki.
Katrina griff den Finger ihrer Mutter, hielt kurz inne und zog ihr den Ehering ab. Ein Teil von ihr fühlte sich schlecht dabei. Es wäre nur richtig, wenn ihre Mutter ihn mit ins Grab nehmen würde. Katrina wollte aber nicht allein sein. Sie brauchte etwas, das sie an ihre Mutter erinnerte, und so betrachtete sie das Schmuckstück vor sich im Mondlicht, drehte es hin und her und rieb Erde und Blut von der glatten Oberfläche. Die Gravur im Innenteil wurde sichtbar.
„Immer zusammen, niemals allein“, flüsterte Katrina.
Dieses Versprechen gilt für unsere gesamte Familie, bis über den Tod hinaus. Ich liebe dich über alles, ich hoffe, das weißt du.
Keines dieser dunklen Monster darf unsere Familie jemals entzweien! Niemals.
Katrina legte den Ring in ihre rechte Hand und griff mit der linken hinter sich in den Nacken. Es dauerte einen Moment, dann hatte sie den Knoten der Schnur gelöst und sie plumpste zusammen mit dem blauen Stein, der daran hing, vor ihr auf die Erde. Diesen zog sie mit einer Hand ab und fädelte die Schnur anschließend durch den Ring. Mit beiden Händen machte sie einen Knoten in die Schnur und hängte sie sich wieder um den Hals. Die Schmerzen, die von ihrer verletzten Schulter ausstrahlten, ließen sie die Zähne fest zusammenbeißen. Immer noch in der Hocke griff sie nach dem blauen Stein, der vor ihr lag, und betrachtete ihn in ihrer Handfläche. Für das filigrane Muster, das eingraviert war, musste Lisunki Wochen gebraucht haben. Für dich. Er bedeutet Freundschaft und Leben.
Katrina verzog die Lippen zu einem freudlosen Grinsen, während sie sich aus ihrer Hocke erhob. Die Freundschaft hatte sie zuerst verlassen. Dann, zumindest kurzzeitig, das Leben. Als Lisunki ihr den Stein gegeben hatte, hatte sie ihn staunend bewundert und die Fähe in den Arm genommen. Jetzt blickte sie mit anderen Augen auf das Schmuckstück. Mit Daumen und Zeigefinger der linken Hand griff sie ihn und ließ ihn in ihrer Faust verschwinden. Sie betrachtete den Dschungel und warf den Stein mit aller Kraft in das dichte Grün. Die tiefen Einschnitte ihrer Schulter bestraften die ruckartige Drehung sofort mit einem intensiven Stich. Mit schmerzverzerrtem Gesicht blickte sie auf ihre Eltern. Das Grab sah jetzt weniger nach Hinrichtung aus. Eher wie eine friedliche Bestattung. Und das wünschte sie sich für ihre Eltern. Ruhe und Frieden. Ein kleiner Tropfen der Zufriedenheit in das lodernde Feuer der Wut, das zusammengeballt in ihrem Brustkorb loderte.
Die Werwölfe würden dafür bezahlen müssen. Allen voran Ranzor. Aber auch der Oberlycon, der einfach nach Kree einmarschiert war, alles und jeden ignoriert und seine Befehle durchgesetzt hatte.
Katrina hatte bereits einen mächtigen Blutmagier der Vampire zur Strecke gebracht, wieso also nicht bei ein paar Werwölfen weitermachen? Im Grunde gab es da keinen Unterschied, nur dass sie nicht mehr dieses besondere Blut in ihren Adern hatte, das sich auch bei Werwölfen äußerst negativ auswirkte.
„Katrina!“, sagte eine leise Stimme und unterbrach sie in ihren Racheplänen. Vor Schreck drehte sie sich in dem Erdloch in alle Richtungen, erblickte aber nur Bashira, der friedlich am Rand lag und jetzt verwundert den Kopf hob. Seine empfindlichen Ohren waren auf sie ausgerichtet. Hatte er die Stimme nicht gehört?
Sie blickte zu der Wurzel am Rand des Erdlochs. Egal, wer oder was mit ihr sprach: Hier unten war sie ein leichtes Opfer. Als sie nach zwei Schritten die Wurzel packte, um sich daran aus dem Loch zu ziehen, hörte sie die Stimme ein weiteres Mal.
„Katrina, mein Schatz.“
Es war die Stimme ihrer Mutter. Sie musterte die Leiche und wandte den Blick ab in Richtung Dschungel, schloss die Augen und lauschte. Nur Bashiras schnaubender Atem war zu hören.
„Katrina, kannst du mich hören?“
Sie öffnete die Augen wieder. Es klang nicht, als würde die Stimme von außen kommen. Vielmehr, als wäre sie in ihrem Kopf. Und es war eindeutig die Stimme ihrer Mutter.
Zum zweiten Mal an diesem Tag konnte sie sich nicht erklären, was gerade passierte. Welche Magie war hier im Spiel? Hatte es etwas mit dem Ring zu tun, der um ihren Hals hing? Sie berührte ihn und entschloss sich dann zu antworten.
„Ja, ich kann dich hören.“
Bashira murrte und blickte zu ihr.
Katrina wartete einen kurzen Augenblick.
Keine Antwort.
War sie wahnsinnig geworden?
„Sehr gut. Du musst nach Fotosz, mein Kind.“
Die Stimme erklang jetzt laut und deutlich. Es fühlte sich seltsam an, eine fremde Stimme nicht über die Ohren zu hören, sondern so, als wäre es die eigene Stimme im Kopf.
„Nach Fotosz? Wieso?“
„Vertraue mir, ja? Alles wird gut!“
Katrina drehte sich erneut in alle Richtungen, obwohl sie wusste, dass sie niemanden entdecken würde.
„Nein, ich werde nicht nach Fotosz gehen. Dort sind Vampire und wahrscheinlich auch Soldaten der Hüter der Herkunft.“
Die Menschensoldaten waren dabei eindeutig das größere Problem. „In Fotosz gibt es etwas, das mich und deinen Vater wiederbeleben kann. Du musst es an dich nehmen, bevor es in die falschen Hände gerät!“
Katrina atmete angespannt ein und wieder aus und befühlte den Rand des Ringes zwischen ihren Fingern.
„Ich bin es wirklich. Nimm Bashira mit, er soll dich beschützen, so wie er mich beschützt hat.“
Bei einem Spaziergang im Dschungel waren sie auf einen sogenannten Waldknecht gestoßen. Ein riesiger Käfer, der im Gebüsch lauerte. Er war mit seinen Beißzangen herausgesprungen und hatte ihre Mutter am Schuh gepackt. Bashira war sofort zur Stelle gewesen und hatte dem Insekt mit einem Hieb mehrere Beine und den Kopf abgeschlagen. Außer Katrina war sonst niemand anwesend gewesen, der das hätte wissen können.
War bei ihrem Tod etwas mit dem Geist ihrer Mutter passiert, sodass er jetzt in ihr gefangen war? War hier die Naturmagie der Werwölfe im Spiel? Hatte es vielleicht etwas mit dem blauen Stein von Lisunki zu tun, dessen sie sich gerade entledigt hatte? Und wenn es tatsächlich ihre Mutter war, woher wusste sie, dass es in Fotosz etwas gab, das sie wieder lebendig machen konnte? Aus ihrer Gefangenschaft bei Darec, dem Blutmagier, möglicherweise?
„Was kann dich wieder lebendig machen und warum ist es in Fotosz?“ Katrina wartete auf eine Antwort.
„Mama?“
Keine Reaktion.
Mithilfe der Wurzel, die aus der Seite des Erdloches ragte, schaffte sie es, aus dem Loch zu klettern.
Sie entdeckte einen Stein, der fast doppelt so breit war wie ihre Handfläche und fast ebenso flach. Sie würde kein besseres Werkzeug finden und so fing sie an, die aufgeschüttete Erde neben dem Erdloch zurück zu schaufeln. Da sie nur ihren linken Arm benutzen konnte, musste sie mehrere Male pausieren vor Anstrengung.
Es dauerte tausend Ewigkeiten, bis sie nahezu die gesamte Erde in das Grab befördert hatte. Den Rand des Loches konnte man noch sehen, aber nicht mehr ihre Eltern. Erschöpft sank sie auf den Boden und blickte zufällig auf ein Brolch-Gewächs zwischen den Farnen am Rand des Dschungels. Es war eine Pflanze mit bis zu fünf breiten Blättern. In der Mitte wuchs ein dicker Stängel kniehoch empor, der am oberen Ende auf einer Länge von einer halben Elle unterschiedlich große Kügelchen besaß. Sie waren rot. Und giftig. Entscheidend war etwas anderes, was sie in ihrer Zeit bei den Werwölfen gelernt hatte. Das Brolch-Gewächs wurde von den meisten Tieren gemieden, da es einen feinen, jedoch beißenden Geruch ausströmte. Katrina selbst konnte ihn nicht wahrnehmen, aber sie hatte bemerkt, dass Bashira einen großen Bogen um solche Pflanzen machte.
Katrina griff den flachen Stein, stand auf und ging vorsichtig in Richtung Dschungel. Eine weitere Überraschung wie durch die Zirkulkatzen wollte sie tunlichst vermeiden und behielt daher die Farne und Büsche fest im Blick. Bei der Pflanze angekommen, kniete sie sich neben sie und fing damit an, die Erde um sie herum großzügig abzutragen. Kurz darauf konnte sie die Pflanze mitsamt der Wurzel aus der Erde ziehen. Am unteren Teil des Stängels trug sie das Gewächs zum Erdhügel des Grabs, ging dort in die Hocke und pflanzte sie ein. Das würde reichen müssen, um die Tiere abzuhalten.
Katrina erhob sich, stellte sich stumm vor das Grab und schloss die Augen.
„Bin schwach. Darec. Ein Artefakt“, hörte sie die flüsternde Stimme ihrer Mutter, die sie mitten in ihrem Gebet unterbrach.
Katrina runzelte die Stirn, öffnete die Augen und fragte sich, ob sie das tatsächlich gehört hatte.
Sie rieb sich die dreckigen Hände an ihrem ohnehin dreckigen Hemd ab und blickte in Richtung der Schlucht und darüber hinaus. Als kleine, kaum sichtbare Nadel umgeben von Dunst war der Nabelturm der Stadt Fotosz am Horizont zu sehen.
Für einen kurzen Moment kam ihr der Gedanke, sie könnte einfach nach Hellmark wandern, um wieder bei ihrem Onkel zu wohnen. Dann fiel ihr ein guter Grund ein, warum das keine gute Idee war. Sie würde noch eine Weile brauchen, bis das Vampirsein auch in ihrem Kopf angekommen war. Ihrem Onkel wollte sie selbstverständlich keine Schwierigkeiten bereiten. Nicht auszudenken, was sie mit ihm anstellen würden, wenn herauskäme, dass er einer Vampirin Unterschlupf bot.
Jetzt würde sie nie wieder eine Menschenstadt betreten können. Nie wieder würde sie ihren Onkel sehen oder seine Katze Emma streicheln. Eine Träne lief über ihre Wange, während ein leichter Wind durch ihr klammes Haar strich.
Warum passierte ihr all das?
Was hatte der gütige Allvater mit ihr vor?
War er überhaupt gütig?
Existierte er überhaupt?
Den letzten Gedanken verdrängte Katrina schnell.
Natürlich existierte er.
Und er hatte einen Plan für die Menschheit, den ein Einzelner nicht erfassen konnte. Alles diente einem höheren Zweck. Auch wenn es nur der war, ein Bauernopfer zu sein. Katrina hoffte, dass weder ihr noch der Menschheit diese Rolle zuteilwerden würde.
Sie war eine Vampirin und gerade erst von den Werwölfen umgebracht worden. Was blieb ihr anderes übrig, als in eine Vampirstadt zu gehen und zu versuchen, dort, wie auch immer, Fuß zu fassen?
Sie rieb sich weitere Tränen aus den Augen, atmete tief ein und blickte zu Bashira. „Los, mein Großer! Wir gehen.“

Roter Einschnitt

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Kapitel 5

Was sollte sie sonst tun? Wohin sollte sie sonst gehen?
Diese Fragen stellte sie sich immer wieder, während sie vorsichtig über die Steine entlang der Schlucht nach Norden wanderte. Es war die Richtung entgegengesetzt zu der, die sie zum Fluss geführt hatte. Jetzt lief sie geradewegs auf das Finis-Gebirge zu und musste aufpassen, wo sie mit ihren nackten Füßen hintrat.
Als der steinige Untergrund einer mit Moos und Gras bedeckten Fläche wich, blieb sie stehen und hob den Kopf, um einen Blick auf die Berge in der Ferne zu werfen, denen sie noch nie so nahe gewesen war. Eine dünne Wolke schob sich vor die beiden Monde und schwächte dadurch ihr Licht, das dennoch ein paar der klobigen Riesen ihrer schattigen Tarnung beraubte. Manche der Berge konnte sie nur sehen, weil Wolken davor oder dahinter den nötigen Kontrast bildeten.
Bestimmte Dinge sah man erst, wenn etwas dazukam und einen darauf aufmerksam machte. Bewusst oder unbewusst.
Ja, sie hatte wirklich gedacht, die Werwölfe hätten sie und ihre Mutter aufgenommen und akzeptiert. Zuerst als Menschen, dann sie als Vampir. Andere Werwölfe waren dazugekommen, die ihr gezeigt hatten, dass dem nicht so war.
Sie atmete tief durch und versuchte, diese Gedanken loszulassen. Solange sie fast nackt und unbewaffnet im Feindesland war, hatte sie andere Sorgen. Wichtigere.
Katrina ging weiter, Bashira trottete treu neben ihr her.
Der Wind, der immer stärker über den Rand der Schlucht wehte, ließ ihre mittlerweile getrockneten Haare in der Luft tanzen. Immer wenn sie in die Schlucht hinabblickte, erkannte sie, dass es nicht die geringste Möglichkeit gab hinunterzusteigen. Dabei blickte sie auch nach Norden, wo der Tiefriss am Gebirge endete, was sie an Lisunkis Worte erinnerte.
Dort habe es einmal einen Pfad gegeben, den die Werwölfe beschritten hätten, um Fotosz anzugreifen. Dieser sei jedoch verschüttet und für eine Armee nicht begehbar. Katrina und Bashira aber konnten diesen Weg vielleicht nehmen.
Sie würden es herausfinden müssen.

Als die Erde immer fester wurde und Moos und Gras einem felsigeren Untergrund wichen, entdeckte Katrina einen schmalen Pfad aus festgetretener Erde. Er führte zunächst über eine sanfte Steigung hinauf und bog schließlich hinter einem größeren Felsen nach links. Katrina folgte ihm und stieg über kleine und große Gesteinsadern, die sich sporadisch durch die Erde zogen.
So sah also der Weg ans Ende der Welt aus. Finis. Hinter dem Gebirge befand sich das Nichts, so hieß es. Viele Abenteurer hatten sich auf den Weg gemacht, angetrieben von der Neugier, was hinter dieser scheinbar unendlichen Wand aus Gestein zu finden war. Niemand kehrte je zurück. Wanderer, die zu Fuß unterwegs waren, ebenso wenig wie diejenigen, die es sich leisten konnten, mit einem Luftschiff die Berge zu passieren. Niemand konnte berichten, was er gesehen hatte. Man erzählte sich, sie kehrten nicht zurück, weil die Monster, die in den Bergen hausten, sie gefressen hätten. Andere schrieben ganze Buchreihen zu der Vermutung, dass hinter den Bergen das Paradies mitsamt dem Allvater persönlich wartete und kein Reisender je wiederkam, weil das Leben dort alles bot, was er sich erhoffte. Katrina schmunzelte, während sie die Steigung hinaufging. Im Augenblick wäre sie schon mit festem Schuhwerk der glücklichste Mensch dieser Welt.

Nach einigen Schritten wurde der Pfad breiter, dafür aber schwieriger zu beschreiten, da immer dickere Steine die Erde durchsetzten. Kurz darauf gesellte sich loses Geröll dazu, das sich irgendwann einmal von den Felswänden gelöst hatte, die beidseitig des Weges immer höher aufragten.
Die Steigung nahm mit jedem Schritt zu, der Weg knickte des Öfteren ab, führte aber stetig nach oben und tiefer in das Gebirge. Bashira folgte ihr tapfer und nahm die Steigung sowie die spitzen Steine mit einer Leichtigkeit, die Katrina neidisch machte.
Als sie einen der zahlreichen Felsen passierte, weckte ein mehrstimmiges Surren dahinter ihre Aufmerksamkeit. Aas. Es sah aus wie ein etwas größerer Hund. Fliegen surrten über dem Kadaver und bedeckten große Stellen des toten Körpers. Das Fleisch am Schädel fehlte bereits vollständig. Als Katrina der Geruch in die Nase stieg, entschied sie sich prompt dafür weiterzugehen. Bashira hingegen blickte erst interessiert, dann ging er zu dem Tierkörper und fing an, das Fleisch von den Knochen zu ziehen. Die Fliegen stoben in einer dunklen, summenden Wolke auf, aber nicht alle ließen sich so einfach abwimmeln. Katrina wandte angewidert den Blick ab und wartete, bis Bashira fertig war. Dabei spürte sie ein flaues Gefühl im Magen. Auch sie selbst würde bald etwas essen müssen, um bei Kräften zu bleiben.

Nach wenigen Stunden veränderte sich die Felsformation. Linker Hand befand sich keine Felswand mehr, sondern ein tiefer Abgrund, den Katrina kritisch beäugte. Entschlossen konzentrierte sie sich auf den Pfad vor sich, der nur etwas mehr als zwei Schritte breit an einem Berg entlangführte. Über ihn marschierte sie in eine riesige Felsspalte, deren Wände sie auf beiden Seiten mit ausgestreckten Armen berühren konnte.
Je weiter sie ging, desto weiter zogen sich die Wände auseinander, bis sie vor einem Berg aus Geröll stehen blieb, der ihr mit grauen Steinen in allen möglichen und unmöglichen Formen den Weg versperrte. In der Mitte ragte am oberen Ende ein riesiger, rundlicher Fels empor. Die Formation sah nicht natürlich aus. Eher als hätten die Vampire oder die Werwölfe hier bewusst eine Art Wall errichtet. Es gab keine andere Möglichkeit, als über die Steine nach oben zu klettern. Langsam und auf jeden Schritt achtend erklomm sie den Steilhang. Als sie kurz davor war, ihren Fuß auf einen recht hellen Stein zu setzen, stoppte sie mitten in der Bewegung, sah genauer hin und bemerkte, dass es kein Stein war, sondern ein Werwolfsschädel, der zu einem Skelett gehörte, das unter mehreren großen Brocken begraben lag. Katrina trat knapp daneben auf und fand bei ihrem Aufstieg jede Menge weitere Knochen. Darunter auch Vampirschädel, viele davon mit deutlichen Löchern und vielsagenden Rissen. Ja, hier hatte eindeutig eine Schlacht stattgefunden.
Auf der Kuppe des Gerölls stützte sie sich an dem Felsbrocken ab, der aus der Mitte noch etwa zwei Schritte nach oben ragte. Über ein paar dickere Steine hinweg konnte sie auch ihn erklimmen und blickte von dort schwer atmend über den vor ihr liegenden Steilhang nach unten in die Schlucht.
Bashira sprang neben sie auf den Felsbrocken. Während sie sein Fell streichelte, beschloss sie, eine Pause zu machen, legte sich mit dem Rücken auf den Felsen, die Hände auf dem Bauch verschränkt, und atmete tief ein. Ihre Füße und Waden dankten ihr diese Unterbrechung. Es grenzte an ein Wunder, dass sie sich bisher noch nicht an den Steinen verletzt, geschweige denn an Disteln gestochen oder dicken Wurzeln gestoßen hatte.
Bashira schnaubte deutlich hörbar durch die Anstrengung des Aufstiegs und legte sich neben sie. Er leckte sich erst seine Pfoten, dann grunzend das Fell auf seinem Rücken, während Katrina in den Himmel starrte.
Die Stimme ihrer Mutter hatte sie nicht noch einmal gehört. Sie wollte den Verdacht, oder auch die Hoffnung, nicht aufgeben, dass es eine Sinnestäuschung gewesen war.
Was sie sich nicht erklären konnte, waren die Worte „Darec. Ein Artefakt“. Dass Darec in irgendeiner Art und Weise für immer in ihrem Kopf sein würde, war verständlich. Nach allem, was sie durch den Vampir hatte erleiden müssen, allem voran der Kampf auf dem abgestürzten Luftschiff inklusive ihrem (ersten) Tod, würde dieser Mistkerl für immer Teil ihrer Erinnerungen sein. Es war mehr das zweite Wort, das neu war.
Ein Artefakt.
Was hatte das zu bedeuten?
Sie grübelte eine Weile darüber nach, merkte aber, dass es keinen Zweck hatte. Um aus dem Grübeln rauszukommen, konzentrierte sie sich auf die Geräusche, die sie umgaben. Der Wind pfiff in verschiedenen Tonlagen über die Felsen, Insekten zirpten im dürren Gras, das sich auf den Vorsprüngen der Felswand gebildet hatte. Und in diesem stillen Moment traf es Katrina wie ein Hammer.
Sie war vollkommen allein.
Ausgestoßen von den Werwölfen, nicht erwünscht bei den Menschen und, wenn überhaupt, nur noch bei den Vampiren geduldet. Solange man sie nicht als diejenige erkannte, die Darec auf dem Gewissen hatte. Eine Vampirin.
Ihre Seele war verdammt. Der Allvater hatte sich von ihr abgewandt und sie würde nie in die Anderswelt reisen dürfen.
Zweimal gestorben, aber immer noch da. Lag es vielleicht daran, dass der Allvater sie nicht aufnahm und immer wieder zurückschickte? Oder befand sie sich gerade in der Anderswelt? Kritisch musterte sie die Wolken, die über ihr hinwegzogen.
Sie sahen aus wie immer.
Auch sonst war ihr nichts aufgefallen, was darauf hindeutete, nicht in der echten Welt zu sein.
Aber was bedeutete „echt“?
Mit der linken Hand tastete sie ihren Hals nach dem Schnitt ab. Dicker Schorf auf einer geschwollenen Wunde. Jede Berührung schickte einen Stich durch ihre Haut, weshalb sie ihre Hand zurück auf den Bauch legte. War man in der Wirklichkeit, wenn man Schmerzen empfand?

Nach einer Weile bemerkte sie, dass ihre Beine nicht mehr ganz so stark schmerzten. Sie stand auf und Bashira hob fragend den Kopf. Als auch er sich erhob, trat Katrina neben ihn und streichelte seinen Rücken.
„Danke, dass du hier bist“, flüsterte sie, legte ihren Kopf in seinen Nacken und grub ihre Finger in sein violettes Fell.
Kurz darauf ließ sie von ihm ab, kletterte von dem Felsen herunter und machte sich dann an den Abstieg über das Geröll, um ihren Weg fortsetzen zu können. Wieder musste sie darauf achten, sich ihre nackten Füße nicht zu verletzen. Das brauchte Zeit. Bashira war wesentlich schneller, überholte sie und wartete am unteren Ende des Geröllbergs auf sie.

Gemeinsam gingen sie weiter durch die Schlucht, bis der Weg zum ersten Mal nach unten führte. Nach vielen weiteren Schritten traten sie auf dichtes Gras, ließen Felsen und Felswände hinter sich und wanderten über eine Wiese, als Katrinas Beine plötzlich nachgaben. Sie landete auf den Knien, fühlte sich aber, als würde sich die Welt um sie herum weiterbewegen. Sie schloss die Augen und atmete tief ein. Sie roch das Gras, das zwischen ihren Fingern emporragte, und die Erde, aus der es emporwuchs. Sie hörte kleine Insekten, die über diese Erde krabbelten, und spürte, wie Bashira seinen Kopf gegen ihren Bauch drückte. Katrina blickte zur Seite durch ihre Haare hindurch. Er starrte sie an und neigte dabei den Kopf.
„Alles gut … ich … bin nur etwas …“
Während sie zu ihm sprach, drängte sich ein rhythmisches Pochen über ihre Stimme. Sie konnte seinen Herzschlag spüren. Ein Rauschen im Hintergrund dieser Trommelschläge ließ ihren Mund wässrig werden. Sein violettes Fell und die Kringel darauf verblassten. Auch das Gras unter ihr verlor seine Farbe.
Blut.
Sie brauchte Blut.
Und sie hasste sich dafür.
Schon bei den Werwölfen hatte sie sich geweigert, welches zu trinken. Sie ekelte sich davor und musste sich jedes Mal dazu zwingen, das Gemisch, das Tan’Gros ihr zusammenbraute, hinunterzuwürgen. Da sie sich vor der Antwort fürchtete, fragte sie nicht genauer nach, aber sie glaubte, es handelte sich um Tierblut. Wahrscheinlich von verschiedenen Tieren, denn es schmeckte jedes Mal auf andere Art und Weise abscheulich.
Katrinas Magen grummelte bei dem Gedanken. Sie setzte sich ins Gras. Bashira leckte ihre Wange. Das Gesicht vor weiteren Liebkosungen schützend griff sie nach seinem Kopf und streichelte ihn, nutzte ihn aber auch zur Stütze, um wieder auf die Beine zu kommen. Als sie stand, merkte sie, dass ihr immer noch schwindelig war. Sie betrachtete Bashiras Rücken neben sich und beschloss etwas zu versuchen. Sie konzentrierte sich und sprang dann mit einem Satz auf ihn. Als sie auf ihm landete, murrte er und machte erschrocken einen Schritt zur Seite. Sie krallte sich in sein Fell, weil sie befürchtete, dass er sie gleich wieder abwerfen würde. Doch es schien für ihn in Ordnung zu sein, also legte sie sich auf sein Fell, schlang ihre Arme um seinen Hals und grub ihre Finger in die buschige weiße Mähne, die seinen Hals umgab.
Katrina schloss die Augen in dem Wissen, dass sie nicht einschlafen würde. Der Hunger war zu groß und ihr Kopf voller Gedanken.
Während Bashira seinen Weg durch das Gras fortsetzte, dachte Katrina an ihren letzten gemeinsamen Abend bei den Werwölfen. Sie hatten an einem Lagerfeuer übernachtet, an dem sie zuvor noch mit Lisunki zu Abend gegessen hatten. Sie hatten gelacht, sich Geschichten erzählt und es war egal gewesen, was sie waren. Sie war eine Vampirin, Lisunki eine Werwölfin und ihre Mutter ein Mensch. An diesem Abend war es egal gewesen, ob sie nackt oder behaart waren und aus welchem Teil des Landes sie stammten. Doch nicht alle hatten sich darüber freuen können. Und so wurden sie am nächsten Morgen aus dem Schlaf gerissen. Grimmige Werwölfe packten sie und fesselten sie mit dicken Seilen. Ihre Mutter schrie aus Leibeskräften, Katrina wusste nicht, was sie tun sollte, und sah Hilfe suchend auf Lisunkis Schlafplatz. Er war leer. Der Anblick versetzte Katrinas Herz einen tiefen Stich. Sie fragte die Werwölfe, was los sei, aber bekam keine Antwort. Und als sie gefesselt auf breiten, behaarten Schultern weggeschleppt wurden, blickte sie auf das Lagerfeuer, das erloschen war und nur noch ein Haufen verkohlter Holzscheite zeigte.
Dann sah sie ihn. Ranzor.
Er stand neben einem der vielen Steinhäuser der Stadt Kree und grinste sie mit verschränkten Armen an. Er war es, der etwas dagegen hatte. Er hatte das hier veranlasst und dafür gesorgt, dass diese anders gekleideten Werwölfe nach Kree gekommen waren und sie und ihre Mutter ermordeten. Der Oberlycon, das Oberhaupt der Werwölfe, hatte zusammen mit seinem Gefolge den langen Weg aus dem tiefen Dschungel auf sich genommen, um sie und ihre Mutter in Kree zu richten und die Stadt zu säubern. Und all das nur, weil nicht Ranzor den Blutmagier Darec zur Strecke gebracht hatte, sondern sie, eine einfache Mechanikerin.
Unter den Werwölfen waren nach ihrer Rückkehr zahlreiche Geschichten umgegangen, dass Ranzor sich um seine rechtmäßige Rache betrogen fühlte. Nur er hätte es verdient, dem Blutmagier den Tod zu bringen und dessen Kopf als Trophäe zu behalten. Er würde sich rächen und seine Ehre wiederherstellen wollen, behaupteten viele. Ranzor selbst war kaum zu sehen. Er hasste Katrina und ihre Mutter aus seinem tiefsten Inneren und nichts und niemand würde das ändern können. Selbst Tan’Gros hatte den jähzornigen Werwolf nicht beschwichtigen können.

Katrina hatte sich so an die gleichmäßige Bewegung von Bashiras Muskeln gewöhnt, dass sie automatisch die Augen öffnete, als er stehen blieb.
Im Liegen sah sie, dass die Monde am Himmel ein ganzes Stück weitergezogen waren. Ihre Umgebung war flacher als zuvor, was darauf schließen ließ, dass sie das Gebirge endgültig hinter sich gelassen hatten. Der Boden war trocken und steinig, aber auch von Büschen und weitläufigeren Grasflächen bewachsen. Insekten summten, zirpten und surrten. Bashira stand einfach nur da, vollkommen reglos. „Was ist los?“, flüsterte sie und setzte sich auf.

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© 2019 Benjamin Spang